Geteiltes Leid ist doppeltes Leid!

Umfassende soziale Prägung Tagtäglich fühlen wir uns als von unserem Umfeld losgelöste und emanzipierte Wesen – als Individuen. Doch empirische Forschung der letzten Jahrzehnte macht immer deutlicher, wie umfassend unsere Prägung durch unser soziales Umfeld ist. Blicken wir auf die Evolution: Die Anforderungen des Zusammenlebens in immer größeren Gruppen begleiteten die Entwicklung des menschlichen Neocortex, der neuronalen Grundlage von autonomem Denken und Handeln. Sozio-neurologische Untersuchen zeigen, dass in unserem Großhirn ständig Prozesse ablaufen, die darauf abzielen, den Status unserer Gruppenbeziehung zu überwachen. Wir sind ständig neuronal-kollektiv vernetzt. Gruppenwesen sind wir durch-und-durch – selbst die Struktur und Funktionsweise unseres…

Umfassende soziale Prägung

Tagtäglich fühlen wir uns als von unserem Umfeld losgelöste und emanzipierte Wesen – als Individuen. Doch empirische Forschung der letzten Jahrzehnte macht immer deutlicher, wie umfassend unsere Prägung durch unser soziales Umfeld ist.

Blicken wir auf die Evolution: Die Anforderungen des Zusammenlebens in immer größeren Gruppen begleiteten die Entwicklung des menschlichen Neocortex, der neuronalen Grundlage von autonomem Denken und Handeln. Sozio-neurologische Untersuchen zeigen, dass in unserem Großhirn ständig Prozesse ablaufen, die darauf abzielen, den Status unserer Gruppenbeziehung zu überwachen. Wir sind ständig neuronal-kollektiv vernetzt.

Gruppenwesen sind wir durch-und-durch – selbst die Struktur und Funktionsweise unseres besonderen zentralen Nervensystem bietet dafür offenbar Belege.

Inwieweit unsere sozialen Beziehungen unsere individuelle Befindlichkeit beeinflussen, wird inzwischen auch von Psychologen intensiv erforscht.

Geteilte Erfahrungen werden verstärkt: Studie des Department of Psychology der Yale University, New Haven

Ein bereits abgeschlossenes Forschungsprojekt hat im selben Themenfeld interessante Zusammenhänge untersucht. In zwei, vor einigen Wochen veröffentlichten Studien fanden die Forscher – Erica J. Boothby, Margaret S. Clark und John A. Bargh – heraus, dass das Teilen von Erfahrungen mit Personen, mit denen wir nicht direkt kommunizieren, die eigene Erfahrung verstärkt. Sowohl angenehme als auch unangenehme Erfahrungen werden auf diese Weise intensiver wahrgenommen, ohne dass wir uns über das betreffende Thema oder Ereignis mit Anderen austauschen müssen.

Das Studien-Konzept

In Studie 1 kosteten Studien-Teilnehmer angenehm schmeckende Schokolade. Sie beurteilten die Schokolade dabei in Gesellschaft als leckerer und geschacksintensiver, als in Situationen, in denen andere Personen anwesend waren, die keine Schokolade probierten.

Obwohl dieses Ergebnis konsistent mit der Hypothese der Forscher war, dass geteilte Erfahrungen, im Vergleich zu nicht geteilten verstärkt werden, reichte diese erste Studie nicht aus, die Begründetheit der Forscher-Hypothese zu beurteilen. Geteilte Erfahrungen könnten als grundsätzlich angenehmer wahrgenommen werden und nicht im strengen Sinne „verstärkt“ werden. Für die Bestätigung der „Verstärkungs-Hypothese“ war Studie 1 offenbar nicht aussagekräftig genug.

Aus diesem Grund entwickelten die Forscher eine Studie 2. Dabei kosteten Teilnehmer unangenehm bittere Schokolade. Ergebnis: Sie beurteilten den Geschmack der Schokolade signifikant negativer, wenn sie diese gleichzeitig mit anderen Personen zu sich nahmen, im Vergleich zu Situationen, in denen eine andere Person zwar anwesend, aber mit anderen Dingen beschäftigt war. Dieses Ergebnis stützte tatsächlich die Verstärkungs-Hypothese und widersprach der These, dass geteilte Erfahrungen lediglich als angenehmer empfunden werden.

Stärkere Vereinnahmung und intensives Mentalizing durch das Teilen von Erfahrungen

Noch einmal auf den Punkt gebracht: In der Studie ging es darum, inwieweit die Erfahrung eines Stimulus dadurch beeinflusst wird, dass Personen lediglich wissen, dass andere Personen gleichzeitig die gleiche Erfahrung machen, ohne sich mit diesen über ihr inneres Erleben auszutauschen.

Obwohl beide Studien vor allem darauf abzielten, festzustellen, inwieweit minimale soziale Bedingungen ohne direkte Kommunikation der Betreffenden die Erfahrung von Personen verstärken kann, wurden im Rahmen der beiden Studien zwei weitere Aspekte untersucht:

1. Vereinnahmung – Unter Forschern gibt es die Vermutung, dass sich Personen in ihrer Erfahrung von Stimuli individuell stärker vereinnahmt fühlen, wenn sie diese Stimuli mit anderen teilen.

2. Mentalizing – Weitere Vermutung ist, dass Erfahrungs-Teilungs-Szenarien Personen dazu zu bringen, sich in die Erfahrung anderer anwesender Personen hineinzuversetzen – zu mentalizieren –, wodurch die Intensität der geteilten Erfahrung verstärkt wird.

Die beiden Studien bestätigten diese beiden Vermutungen.

 

Fazit der Forscher:

Jeden Tag verbringen Menschen Zeit miteinander, während sie nicht direkt miteinander kommunizieren. Auf diese Weise entfaltet sich unser soziales Leben zu einem Gutteil im Stillen. Obgleich im Stillen teilen Menschen dabei dennoch Erfahrungen. Der dabei entstehende, gemeinsam belebte „mentale Raum“ hat eine merkwürdige Qualität: gute Erfahrungen tendieren dazu besser zu werden – schlechte Erfahrungen verschlimmern sich.

Die Studien bringen einen weiteren Beleg dafür, wie stark Individuen sozialen Mechanismen ausgesetzt sind. Starke Wirkungen treten wie gesehen offenbar sogar dann auf, wenn keine direkten Kommunikations-Prozesse stattfinden. Kurt Lewin und Robert F. Bales versuchten, sich solche Einflüsse als soziales Feld vorzustellen, in dem menschliche Bewusstseinsprozesse, Interaktionen und Handeln abläuft.

Individualistische Erklärungsansätze – wie diese beispielsweise in der Ökonomie üblich sind – erweisen sich immer mehr als wirklichkeitsferne Abstraktionen.

Die Studie lässt ahnen wie stark unsere subjektive Imagination wirkt: Wir stellen uns laufend vor, was in Anderen vor sich geht und richten unsere Einstellungen und unser Handeln darauf ein. – Ein Gabe, die uns zum einen dazu verhilft, uns in sozialen Situationen schnell zu orientieren und schnell zu reagieren. Zum anderen führt dieses Vorstellen der Gedanken unserer Mitmenschen ohne Rückversicherung – etwa durch ein Gespräch – eine große Gefahr dar. Wir können uns bei unserem Imaginieren täuschen und unseren Mitmenschen völlig unzutreffende Dinge zuschreiben.

Zum Glück sind wir nicht auf diesen „Subjektivismus“ angewiesen: Wenn es darauf ankommt, können wir nachfragen oder andere Informationsquellen suchen, um unsere Imagination zu überprüfen. Wir haben nämlich nicht nur die Gabe der Imagination, sondern auch die oft unbequeme Gabe, realistisch zu sein.

Zugegeben: Es ist anstrengend, plausible spontane Gedanken zu überprüfen, um sie möglicherweise revidieren zu müssen. – Gesünder für unsere Psyche und unsere Beziehungen ist es mittelfristig allemal.

Quelle: Psychological Science 2014, Volume 25 (12) S. 2209 – 2216

Bilder: sxc

Autor: Heinz W. Droste

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