Warum Neurowissenschaftler Kant nicht brauchen – und warum das wichtig ist

Ein Gedankengang über Meme, Mythen und die Kosten falscher philosophischer Autoritäten Mancher fragt sich, ob es einen Sinn hat, die Philosophie eines Denkers, der vor über zweihundert Jahren gestorben ist, ernsthaft noch einmal mit modernen wissenschaftlichen Konzepten abzugleichen. Genau das habe ich in meinem gerade erschienenen Buch „Der lange Abschied von Kant“ getan – und die Antwort lautet: Ja, es hat einen Sinn. Aber nicht den, den die meisten vermuten. Das Problem: Kant ist ein Meme-Generator Tatsache ist, dass Meme und Mythen rund um Kant derart tief in der philosophischen Diskussion – vor allem in Europa – verwurzelt…

Ein Gedankengang über Meme, Mythen und die Kosten falscher philosophischer Autoritäten

Mancher fragt sich, ob es einen Sinn hat, die Philosophie eines Denkers, der vor über zweihundert Jahren gestorben ist, ernsthaft noch einmal mit modernen wissenschaftlichen Konzepten abzugleichen. Genau das habe ich in meinem gerade erschienenen Buch „Der lange Abschied von Kant“ getan – und die Antwort lautet: Ja, es hat einen Sinn. Aber nicht den, den die meisten vermuten.

Das Problem: Kant ist ein Meme-Generator

Tatsache ist, dass Meme und Mythen rund um Kant derart tief in der philosophischen Diskussion – vor allem in Europa – verwurzelt sind, dass Psychologen und Neurowissenschaftlerinnen immer wieder mit ihm konfrontiert werden. Der Laie hat den Eindruck, das neurowissenschaftliche Konzept des Mechanismus des predictive processing – das Erschließen der Realität durch das Gehirn – sei irgendwie verwandt mit Kants Transzendentalphilosophie.

Das ist ein Irrtum. Aber er ist hartnäckig.

Und er hat Konsequenzen: Er verschleiert, was modernes Wissen über die Konstruktion von Erfahrung und Realität tatsächlich leisten kann – und was Kants Denkhorizont daran hindert, noch nützlich zu sein.

Hier geht es zum YouTube-Video:
Day 3 - Relational Realism

https://www.youtube.com/watch?v=0YmyMHbIWCo
Hier geht zum Vortrag auf YouTube: Vortrag am dritten Tag

Der Moment, der alles sagt: Lisa Feldman Barrett und Kant

Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieses Problem, wenn wir in einenVortrag von Lisa Feldman Barrett im Rahmen der Pufendorf Lectures 2024 schauen. Als sie am dritten Tag ihrer Vortragsreihe auf die vermeintliche Parallele zu Kants Transzendentalphilosophie angesprochen wird, antwortet sie mit entwaffnender Offenheit:

„I am not a philosopher. Kant is a punishment to have to read. I don’t know how else to say it. […] A lot of what I understand about Kant is from secondary sources. […] I don’t currently know, because I don’t know enough about philosophy at that time.“

Das ist keine Bescheidenheit. Das ist der dokumentierte Kollateralschaden eines philosophischen Mythos.

Barrett hatte kurz zuvor bei den Rudolf Carnap Lectures an der Ruhr-Universität Bochum den Kant-Experten Tobias Schlicht getroffen, der ihr erklärte: Es gibt erhebliche Debatten darüber, was Kant überhaupt gesagt hat. Beides zusammen – die Unsicherheit der Neurowissenschaftlerin und die Uneinigkeit der Philosophen – sind exakt die Verwirrungen, die ich in meinem Buch adressiere.

Was Barrett wirklich lehrt: Relationale Realität statt Ding an sich

Lisa Feldman Barretts drei Pufendorf-Vorlesungen bauen ein kohärentes wissenschaftliches Weltbild auf:

  • Tag 1 – Constructing Emotion: Emotionen sind keine festen biologischen Programme, sondern konstruierte Kategorien – flexibel, situationsabhängig, kulturell eingebettet.
  • Tag 2 – Constructing the Mind: Das Gehirn ist kein passiver Empfänger von Realität, sondern ein aktiver Vorhersage-Generator – ein Kategorie-Konstrukteur, der Vergangenheit nutzt, um Gegenwart zu erschaffen. Prädiktives Processing ist kein abstrakter Computermechanismus, sondern das Kernprinzip allostätischer Körperregulation.
  • Tag 3 – Relational Realism: Realität existiert nicht „da draußen“ unabhängig von uns, aber sie ist auch nicht rein subjektiv. Sie ist relational: Die psychologische Bedeutung physikalischer Signale entsteht in ihrer Beziehung zu anderen Signalen – insbesondere den Vorhersagesignalen des Gehirns.

Barretts Begriff des relationalen Realismus ist präzise: „Traditional realism is not consistent with how a brain works.“

Warum scheitert Kant genau hier?

Das ist der Kern meines Buchs. Kants scheinbar ähnliche Frage – wie kommt es zur Erscheinung der Realität? – führt zu einer vollständig anderen, wissenschaftlich unhaltbaren Antwort.

Sein „Ding an sich“ war kein erkenntnistheoretischer Fortschritt. Es war ein ideologischer Kunstgriff: Um den aus seiner Sicht qualvollen Widerspruch zwischen Naturkausalität und moralischer Freiheit zu lösen, konstruierte Kant eine transzendente Sphäre jenseits jeder Erfahrung – die Welt der Noumena. Sein Ziel war nicht die Befreiung des Denkens, sondern die Rettung des lutherischen Glaubens vor dem radikalen, materialistischen Aufklärungsdenken.

Das Ergebnis ist ein radikaler Solipsismus: Außerhalb des Bewusstseins des erkennenden Subjekts gibt es bei Kant keine eigenständig existierende Außenwelt. Eine Position, die von der modernen Physik (Relativitätstheorie, Quantenmechanik) und der Kognitionsneurowissenschaft vollständig ad absurdum wurde.

Barrett hingegen erklärt präzise: Das Gehirn modelliert nicht die Welt – es modelliert seine eigenen Sinnesoberflächen, und daraus entsteht Realität des Minds als dynamischer, prädiktiver Prozess. Das ist das genaue Gegenteil von Kants meditative Innenwendung, seiner Wendung weg von der Materie hin zu apriorischen Konstruktionen.

Kant selbst nannte es in der Kritik der reinen Vernunft „X“ – den mysteriösen Grenzbegriff

Die Fehlinterpretation im Detail: Was die Meme verschleiern

Ich habe in meinem Buch systematisch gezeigt, welche philosophischen Meme die Rezeption von Kant bis heute verzerren:

  • Das Mem der „kopernikanischen Wende“: Kant habe das Subjekt ins Zentrum gestellt – ein revolutionärer Schritt. Tatsächlich war es ein ptolemischer Rückfall: das Bewusstsein als Zentrum, die Realität als Konstrukt – ein weltabgewandter Idealismus, der der modernen Wissenschaft diametral widerspricht.
  • Das Mem des „dogmatischen Schlummers“: Hume habe Kant geweckt, um die Naturwissenschaft zu retten. Kants eigene Briefe zeigen: Es war der Widerspruch zwischen Naturkausalität und protestantischer Willensfreiheit, der ihn antrieb – nicht das Erkenntnisproblem.
  • Das Mem der universalen Moral: Der Kategorische Imperativ als zeitloser Kompass. Tatsächlich ist er tief im lutherischen Gewissensgehorsam verwurzelt – mit rassistischen Implikationen in Kants Anthropologie.

Was das für die heutige Diskussion bedeutet

Es wird immer wieder behauptet, der Rückgriff auf Kant helfe uns, aktuelle Fragen zu lösen. Das Gegenteil ist der Fall.

Kants Denkhorizont – seine Verwurzelung in religiöse Dogmen, sein Solipsismus, seine Ablehnung empirischer Grundlagen für Moral und Recht – ist so weit von unseren heutigen Fragen entfernt, dass der Versuch, sich auf ihn zu berufen, zu zwei konkreten Schäden führt:

  1. Wissenschaftlichen Realismus vollständig zu verfehlen – wie der Moment in Lisa Feldman Barretts Vorlesung zeigt, wo eine präzise Frage über das Verhältnis von Mind und Realität plötzlich in einem Kant-Kommentar steckenbleibt.
  2. Aktuelle Fragen vollständig deplatziert zu verorten – weil Kants Konzepte (Vernunft vs. Natur, Phänomen vs. Noumenon, intelligibler vs. empirischer Charakter) keine analytischen Werkzeuge sind, sondern theologische Schutzwälle.

Mein Fazit

Lisa Feldman Barrett hat in ihren drei Pufendorf-Vorlesungen eine der interessantesten Beschreibungen geliefert, wie Mind, Emotion und Realitätswahrnehmung funktionieren. Ihre Beschreibung des prädiktiven Processing, des allostätischen Körperbudgets, ihr relationaler Realismus – das sind die Konzepte, die uns helfen, die Natur des menschlichen Bewusstseins zu verstehen.

Kant hat für seine Zeit gedacht – und sein Werk hat historische Bedeutung. Aber sein Denkhorizont endet dort, wo die empirische Wissenschaft beginnt.

Der lange Abschied von Kant ist kein Abschied von der Philosophie. Es ist ein Abschied von der Diktatur einer idealistischen Vernunft, die sich selbst wichtiger nimmt als die Realität.

📚 Über meine Bücher:

  • „Der lange Abschied von Immanuel Kant“ – die systematische Demontage der Kant-Mythen
  • „RQ – Entfessele Dein bestes Denken. Der Rationalitäts-Quotient“ – mit ausführlicher Behandlung des predictive processing und der Konzepte von Lisa Feldman Barrett und der von ihr beschriebenen neurowissenschaftlichen Forschung

🎓 Pufendorf Lectures 2024 von Lisa Feldman Barrett:

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