Optimale Entscheidungen erfordern mehr als Intelligenz!

Ergebnis aktueller psychologischer Studien Bereits über ein Jahrzehnt mehren sich Befunde zur menschlichen Vernunft in der psychologischen Forschung – hierauf weist beispielsweise der amerikanische Kognitions-Psychologe Keith E. Stanovich[1] gemeinsam mit seinen Kollegen hin: Zwar wird seit 100 Jahren die Intelligenz menschlicher Individuen gemessen und versucht, den Intelligenz Quotienten – den IQ – zu bestimmen. – Dieser IQ einer Person hat zwar hohe Aussagekraft bei der Bestimmung der kognitiven Kompetenz einer Person. Doch es zeigt sich immer mehr, dass die durch Intelligenztests bestimmten Denkprozesse wichtige Felder der menschlichen Rationalität auslassen. Insbesondere bei der Bewertung der Fähigkeit von Individuen, rationale…

Ergebnis aktueller psychologischer Studien

Bereits über ein Jahrzehnt mehren sich Befunde zur menschlichen Vernunft in der psychologischen Forschung – hierauf weist beispielsweise der amerikanische Kognitions-Psychologe Keith E. Stanovich[1] gemeinsam mit seinen Kollegen hin:

Zwar wird seit 100 Jahren die Intelligenz menschlicher Individuen gemessen und versucht, den Intelligenz Quotienten – den IQ – zu bestimmen. – Dieser IQ einer Person hat zwar hohe Aussagekraft bei der Bestimmung der kognitiven Kompetenz einer Person. Doch es zeigt sich immer mehr, dass die durch Intelligenztests bestimmten Denkprozesse wichtige Felder der menschlichen Rationalität auslassen. Insbesondere bei der Bewertung der Fähigkeit von Individuen, rationale Entscheidungen zu fällen und im Zusammenhang mit der Entscheidung relevante Informationen und Erfahrungen auszuwerten, erfassen IQ-Tests wesentliche, notwendige Denkprozesse nicht.

 

Mancher Hochintelligente glaubt an Außerirdische.

Niemand wundert sich, wenn Leute, die wir nicht für besonders schlau halten, närrische Dinge tun. Doch wir wundern uns ständig aufs Neue darüber, wie Menschen, die offenbar äußerst intelligent sind, komplett „idiotische“ Entscheidungen fällen können. Obwohl das ständig passiert.

Etwa in der Finanzkrise von 2008, die unter anderem dadurch möglich wurde, weil Hausbesitzer in den USA glaubten, dass sich der Wert ihrer Immobilie alle paar Jahre verdoppelt. Oder in der aktuellen Corona-Virus-Krise, in der die Staatsoberhäupter großer Nationen einige Male nicht ausreichend in der Lage waren, wissenschaftliche Fakten für ihr Entscheidungsverhalten nutzbar zu machen und beispielsweise glaubten, der Krankheitserreger könnte durch direktes Einspritzen von Desinfektionsmittel in die Lunge besiegt werden.

Das Staunen über solches Verhalten wird durch verbreitete Laien-Psychologien begünstigt, welche Begriffe wie „Intelligenz“ auf der einen Seite und „Unvernunft“ und „irrationales Verhalten“ auf der anderen Seite für unvereinbar halten. – Stattdessen ist dies durchaus der Fall: Höchste Intelligenz und ausgeprägte Rationalitäts-Defizite treten in der Realität direkt nebeneinander auf.

 

Dazu ein anschauliches Beispiel:

„Mensa International“ ist ein internationaler Dachverband von Vereinen für Menschen mit hohen Intelligenzquotienten. Die 1946 gegründete Organisation ist die weltweit größte, älteste und bekannteste Gesellschaft dieser Art. Wer Mitglied werden möchte, muss in einem aktuellen Intelligenztest einen IQ nachweisen, der höher ist als der von 98 % der Bevölkerung seines Herkunftslandes.

Als bei den Mitgliedern des kanadischen Mensa-Clubs zum Thema paranormaler Glaube eine Umfrage durchgeführt wurde, zeigte sich, dass 44% der Mitglieder an Astrologie, 51% an Biorhythmen und 56% an die Existenz von außerirdischen Besuchern glaubten. – Ein sehr hoher IQ-Wert schützt viele Betroffene also nicht davor, unwissenschaftlichen, törichten, paranormalen Vorstellungen anzuhängen.

 

Aktueller psychologischer Beitrag: Entscheidungsverhalten ist mehr als nur intelligent!

 

Ein Team von Psychologen hat kürzlich in einer der Fachzeitschriften der amerikanischen Association for Psychological Science (APS), in „Current Directions in Psychological Science“, einen Beitrag zum Thema Entscheidungskompetenz veröffentlicht, der zu den gerade betrachteten Einsichten in individuelle Denkkompetenzen passt.

In ihrem Aufsatz „Decision-Making Competence More Than Intelligence?“[2] widmen sich die Autoren – Wändi Bruine de Bruin, Andrew M. Parker und Baruch Fischhoff – unter anderem den Möglichkeiten, durch unterschiedliche Maßnahmen die Entscheidungskompetenz von Individuen zu verbessern.

Sie gingen von folgenden Befunden aus:

Zwar wurde Entscheidungskompetenz ursprünglich als Mechanismus der in IQ-Tests gemessenen sogenannten „flüssigen Intelligenz betrachtet – die Fähigkeit, induktives und deduktives Denken zu praktizieren -. Doch es gibt zunehmend Hinweise darauf, dass Entscheidungskompetenz über flüssige Intelligenz hinausgeht, indem sie Folgendes erfordert:

  • die Motivation, intensiv über komplexe Aufgaben nachzudenken
  • die Ausbildung gewisser emotionaler Fähigkeiten, welche die Entscheidungskompetenz unterstützen, indem sie die Interpretation früherer Erfahrungen und neuer Informationen verbessern, die Aufmerksamkeit lenken und Vergleiche zwischen verschiedenen Optionen erleichtern
  • gesammelte Erfahrungen aus vergangenen Entscheidungssituationen

 

Hieraus schließt das Autorenteam: Entscheidungskompetenz stellt eine Kombination aus intellektuellen, motivierenden, emotionalen und erfahrungsbasierten Fähigkeiten dar.

 

Auf dem Weg zu besseren Entscheidungen: das Programm

Lassen sich aus dieser Einsicht tatsächlich Maßnahmen ableiten, die das Entscheidungsverhalten von Individuen verbessern helfen? Liegen Ansätze darin, das Denken von Menschen mit hoher Intelligenz zu verbessern, die manches Mal zu überhöhtem Selbstvertrauen neigen? Also von Personen deren Verhalten durch den sogenannten myside-bias verzerrt sein kann – also durch die Neigung, Informationen so auszuwählen, zu ermitteln und zu interpretieren, dass diese vor allem die eigenen Erwartungen erfüllen, statt sich realistisch und umfassend zu informieren?

 

Tatsächlich listen die Autoren einen Katalog mit Maßnahmen – Interventionen – auf, die in diese Richtung gehen.

Zwar ist es fraglich, dass diese Interventionen noch während der Corona-Krise 2020 helfen, beispielsweise politische Entscheider von weiteren Fehlentscheidungen abzuhalten.

Schauen wir uns zum Schluss dennoch die Auswahl der Vorschläge der drei Psychologen an:

 

  • Durchführung eines Trainings zur Unterstützung in kognitiven Kernfähigkeiten
  • hochintensives Cardio-Resistenz-Fitnesstraining, das die Konnektivität im Gehirn verbessert
  • Auffordern des Individuums in der Entscheidungssituationen, metakognitive Fragen zu stellen (z.B. Was ist die Hauptinformation? Was sind die Gründe für Ihre Entscheidung?)
  • Verwendung einfacher statt komplexer Entscheidungsregeln
  • Entscheidungen als relevant für die eigene Person zu formulieren
  • Bereitstellung von Entscheidungshilfen und die Gestaltung von Entscheidungsumgebungen, die die Aufmerksamkeit auf rationale Optionen lenken
  • Ermutigung der Individuen, sich auf das Positive im Rahmen der anstehenden Entscheidung zu konzentrieren
  • Wissen und Erfahrungen zum Prinzip der „sunk-cost“ vermitteln – des Risikos, aktuelle Situations-Einschätzungen durch nicht revidierbare Verluste in der Vergangenheit zu verzerren

Anmerkungen

[1] Keith E. Stanovich; Richard F. West; Maggie E. Toplak: The Rationality Quotient – Toward a Test of Rational Thinking; The MIT Press: Cambridge, Massachusetts, 2016.

[2] Decision-Making Competence More Than Intelligence? – Wändi Bruine de Bruin1 , Andrew M. Parker3, and Baruch Fischhoff2,4
in: Current Directions in Psychological Science 2020, Vol. 29(2) s. 186-192

  • 1Centre for Decision Research, Leeds University Business School, University of Leeds;
  • 2Department of Engineering and Public Policy, Carnegie Mellon University;
  • 3RAND Corporation, Pittsburgh, Pennsylvania; and 4Institute for Politics and Strategy, Carnegie Mellon University

 

Autor: Heinz W. Droste

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