Zeitdruck fördert geheuchelte Freundlichkeit

Zeitdruck erhöht die Tendenz, auf sozial erwünschte Weise zu reagieren.   Research Article – „Rushing to Appear Virtuous: Time Pressure Increases Socially Desirable Responding“ Department of Psychological & Brain Sciences, University of California, Santa Barbara: John Protzko Claire M. Zedelius Jonathan W. Schooler   Zusammenfassung Vorüberlegung der Autoren: Eine der ältesten Reflexionen über die menschliche Psyche habe damit zu tun, unterschiedliche Denkweisen anzunehmen: ein „self“, das eine spontane Denk-Instanz einschränkt und stattdessen normativ geformte Responses begünstigt – siehe beispielsweise Evans & Stanovich, 2013. Ein überraschendes Ergebnis von Urteils-Experimenten unter Zeitdruck sei, dass dieser Zeitdruck die Zusammenarbeit und Generosität…

Zeitdruck erhöht die Tendenz, auf sozial erwünschte Weise zu reagieren.

 

Research Article – „Rushing to Appear Virtuous: Time Pressure Increases Socially Desirable Responding“

Department of Psychological & Brain Sciences, University of California, Santa Barbara:

  • John Protzko
  • Claire M. Zedelius
  • Jonathan W. Schooler

 

Zusammenfassung

Vorüberlegung der Autoren:

Eine der ältesten Reflexionen über die menschliche Psyche habe damit zu tun, unterschiedliche Denkweisen anzunehmen: ein „self“, das eine spontane Denk-Instanz einschränkt und stattdessen normativ geformte Responses begünstigt – siehe beispielsweise Evans & Stanovich, 2013.

Ein überraschendes Ergebnis von Urteils-Experimenten unter Zeitdruck sei, dass dieser Zeitdruck die Zusammenarbeit und Generosität von Individuen in verschiedenen Wirtschaftsspielen fördert. Warum führt ein schneller Response zu diesen prosozialen Effekten?

Sind Menschen in ihrem Kern gut oder hat die von Probanden gezeigte Prosozialität im Fall beschleunigter Urteile nuanciertere individuelle Bestimmungsgründe?

 

Ausgangspunkt

These: Prosozialität nimmt zu, wenn Entscheidungen unter Zeitdruck getroffen werden.

Die Forscher haben deshalb zunächst untersucht, ob Zeitdruck die Tendenz erhöht, sozial erwünscht zu reagieren (Studie 1).

Nachdem sie dies bestätigt fanden, untersuchten sie als Nächstes, ob dies entweder daran liegt, dass die Akteure ihre Responses am verinnerlichten Konzept ihres „wahren“ Selbst ausrichten oder an einer intuitiven Tendenz, Normen einzuhalten (Studie 2).

In Studie 1 haben die Forscher bei 1.500 Amerikaner per Testaufgaben das Auftreten von sozialen Erwünschtheit-Verzerrung gemessen – die Probanden mussten entweder schnell oder langsam antworten. Die Zugehörigkeit zur langsamen oder schnellen Gruppe wurde kontrolliert zufällig bestimmt.

In Studie 2 wurde eine ähnliche Probanden-Stichprobe genutzt. Es wurde getestet, ob der Effekt der schnellen Reaktion durch das Ausmaß moderiert wird, in dem Personen eine gut-wahr-Selbst-Verzerrung (good-true-self bias – Tendenz dem eigenen Selbst „gute“ Verhaltenseigenschaften zuzuschreiben) zeigen.

Auf der Basis der stärkeren Tendenz eines Akteurs, dem „wahren Selbst“ gute Verhaltensweisen zuzuschreiben, konnte die Tendenz zu sozial erwünschten Reaktionen vorhergesagt werden. Diese Korrelation verschwand in Situationen von Zeitdruck.

Unter Zeitdruck ist sozial erwünschten Verhaltens offenbar kein Indikator für ein tief verwurzeltes „gutes Selbst“ einer Person.

Es resultiert stattdessen aus dem egoistischen Bedürfnis, sich anderen Menschen vorteilhaft zu präsentieren.

 

Interpretation der Autoren

Sie interpretieren ihre Ergebnisse als Beleg für eine sozial-heuristische Hypothese. Obwohl die Menschen insgesamt an das gute wahre Selbst glaubten, wirke sich dieser Glaube nur dann auf ihre Reaktionen aus, wenn ihnen Zeit zum Nachdenken gegeben wird. Unter Zeitdruck offenbart das Denken nicht das wahre Selbst, sondern das sozial-strategische Selbst, das sich darum bemüht, anderen Menschen vorteilhaft zu erscheinen.

Sie deuten diese Ergebnisse in die Richtung, dass Menschen, wenn sie in Eile prosozial handeln, sie keineswegs die Existenz eines „wahren gutes Selbst“ enthüllen, sondern stattdessen ihre automatisierte Bereitschaft, sich selbst unwahrhaftig darzustellen, um anderen tugendhaft zu erscheinen.

Aus ihrer Sicht sollten Forscher, die das oft verwendete Konzept der Urteilsfindung unter Zeitdruck nutzen, das schnelle Prozessieren der prosozialen Selbstdarstellung von Probanden keinesfalls vorschnell als einen Beleg des „wahren guten Selbst“ interpretieren.

 

Literaturhinweis

Fundstelle des besprochenen Research Article:

  • Psychological Science – Volume 30, Issue 11, November 2019, Pages 1584-1591

 

Evans J. S. B., Stanovich K. E. (2013). Dual-process theories of higher cognition: Advancing the debate. Perspectives on Psychological Science, 8, 223–241

 

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